DQM 2020 in Berlin (2)

05.03.2020 17:15 - Guido Marquardt

Dies ist Teil 2 eines zweiteiligen Berichts über die Deutschen Quizmeisterschaften 2020.
Teil 1 ist hier zu finden


„Das Buzzerturnier war interessant und auch richtig spannend“, schwärmt Michelle Kaltenecker. Petra Piper sieht das anders: „Ich fand’s zum Zusehen und Mitraten eher langweilig.“ Und Sebastian Jacoby lässt auf Gipfel und in Abgründe blicken, wenn es ums Buzzern geht: „Ich liebe diese besondere Wettkampfsituation. Wenn ich dabei gefilmt oder fotografiert werde, erschrecke ich danach regelmäßig über die Bilder. Es geht aber nicht anders.“

Ein Wettbewerb, drei Meinungen – das kann ja was werden. Aber zunächst sind 90 Minuten Stillarbeit angesagt, denn Wettkampftag 2 der Deutschen Quizmeisterschaften 2020 startet mit dem Einzel, dem „zentralen Wettkampf mit der größten Tradition und für mich auch dem größten Renommee“, wie Sebastian sagt.

 

Der Brocken: Einzelwettbewerb

„Früher hat man vielleicht schon mal zwischendurch ein Bierchen getrunken – heute ist das nicht mehr drin, wenn man das ganze Meisterschaftspensum absolviert und dabei auch etwas erreichen will.“ Zwar bezog sich Sebastian mit dieser Aussage eher auf die Pausen zwischen zwei Wettbewerben an den Spieltagen, aber auch für den Abend zwischen Tag 1 und Tag 2 ist das nicht der schlechteste Hinweis. Denkt zumindest der Autor dieser Zeilen spontan, angesichts des 150-Fragen-Brockens namens „Einzelmeisterschaft“, das den zweiten Tag der DQM 2020 einläutet. 

Eine orchestrierte Stille unter gut 260 Menschen, ohne Smartphone-Gesumme und andere mehr oder weniger soziale Geräusche, wo erlebt man das schon noch? 15 Fragen in zehn Kategorien liegen vor Michelle, Petra, Sebastian und den anderen, uns anderen, die sich mehr oder weniger aussichtsreich bemühen, René Waßmer nachzufolgen, der 2019 den Einzeltitel abräumte. Anderthalb Deutschland-Cups, sozusagen.
 


Das Set kommt diesem Jahr von einem Trio, nämlich Evelyn Lusga, Dirk Singer und Sebastian Geschwindner. Hatte Sebastian (Jacoby, nicht Geschwindner) zuvor noch angemerkt, dass die Anzahl der Fragen eventuell immer noch nicht genügen könnte für eine ausreichende Trennschärfe, gibt es in diesem Jahr doch an der Spitze eine klare Entscheidung: Holger Waldenberger kommt auf 116,5 Punkte und distanziert den zweitplatzierten Thorsten Zirkel deutlich (111 Punkte). Sebastian Klussmann auf dem Bronzerang liegt dann aber wiederum nur einen halben Punkt zurück.

Hier geht es zu den kompletten Ergebnissen des Einzel-Wettbewerbs.

Und wie an der Perlenschnur reihen sich die weiteren Platzierungen ab Rang 6 in engen Abständen hintereinander bzw. sind bei Punktgleichheit nur noch per Tiebreak-Regelung unterscheidbar. Bei 60,7 liegt der Punkteschnitt aller Teilnehmer*innen, wobei hier arithmetischer Mittelwert und Median tatsächlich fast identisch sind. Mit Blick auf die Ergebnisse fällt zudem auf, dass sich die etwas Älteren mit diesem Set wohl ebenso schwerer taten wie diejenigen, die zum ersten Mal an einer DQM teilnahmen.

Keine Überlegungen dieser Art muss Gewinner Holger Waldenberger anstellen; dafür blickt er auf seine Gesamtperformance der letzten Jahre:

„Ich habe je viermal an der regulären Meisterschaft im Einzel und Doppel teilgenommen. Je dreimal habe ich gewonnen, bei beiden Niederlagen war ich mit den Sets aus österreichischer Feder nicht wirklich glücklich (letztes Jahr Einzel, dieses Jahr Doppel). Ich glaube, dass ein ausländischer Autor eines ganzen Sets entweder länger in Deutschland gelebt haben muss (wie etwa Thomas Kolåsæter) oder einen deutschen Schreibpartner braucht.“

 

Auch in Teil 2 behalten wir unseren Bildungsauftrag im Blick: Der arithmetische Mittelwert ergibt sich, wenn man alle Werte addiert und durch ihre Anzahl dividiert. Der Median hingegen ist der Wert, der die Anzahl der Werte in zwei genau gleich große Hälften teilt. Je nach Verwendung des einen oder anderen Wertes wirken sich so z. B. Häufigkeitsverteilungen oder extreme Einzelwerte unterschiedlich aus. Es gibt aber auch noch weitere statistische Betrachtungsoptionen wie z. B. den Modus (der häufigste Einzelwert).

 

Michelle ist jetzt wirklich erschöpft: „Das war schon anstrengend, nun ist die Luft erstmal raus. Zwar nicht so arg wie gestern nach dem Teamwettbewerb, aber jetzt freue ich mich darauf, beim Buzzerturnier einfach nur zuschauen zu können.“ Und ein bisschen freut sie sich später schon auch noch darüber, „ausnahmsweise“ nicht den letzten Platz belegt zu haben …

Petra hat etwas weniger Punkte erreicht als erhofft und schrammt erneut hauchdünn am 50%-der-Punkte-Ziel vorbei. Doch dafür landet sie auf Platz 56 und damit im vorderen Drittel (sogar Viertel!), was sie zuvor als Traumziel ausgegeben hatte. Nur wie das halt immer so ist: Es gibt die relativen Ziele in Form von Platzierungen und die eher nur auf die eigene Leistung bezogenen. „Letztlich waren Punktzahl und Platzierungen im normalen Schwankungsbereich, wenn ich das mit den Deutschland-Cups vergleiche. Natürlich schaue ich auch mal auf andere Quizzer, deren Punkte ich im Verhältnis zu mir einschätzen kann, aber hauptsächlich vergleiche ich mich mit mir selbst.“
Und die Leute ganz oben in der Ergebnisliste? „Da gab es keine großen Überraschungen, die Namen sind ja bekannt – mal ist der eine vorn, mal der andere. Mit einem Holger Waldenberger kann Otto Normalquizzer ohnehin nicht mithalten.“

Wenn es um Sebastians Einschätzung geht, müsste man ihn nach dem Einzel auch beinahe „Otto“ nennen, gibt er doch zu Protokoll: „Holger hat seine Ausnahmestellung erneut eindrucksvoll unter Beweis gestellt, nachdem er im vergangenen Jahr doch das ein oder andere Mal nicht so weit vorne lag oder sogar marginal getoppt wurde. Es ist unbestritten, dass er immer noch ein Haus über der restlichen deutschen Quizszene baut, wenn er in Form ist.“
Seine eigene Leistung, die ihn knapp außerhalb der Top 10 landen ließ, ist natürlich schon eine gewisse Enttäuschung für ihn, die „noch ein wenig analysiert werden will“. Vorläufig stellt er jedenfalls fest, dass kategorienübergreifend in dem Set viele Fragen steckten, die „sehr auf aktuelle Entwicklungen und Begrifflichkeiten der letzten ein bis zwei Jahre“ bezogen gewesen seien. Sebastian meint darüber hinaus, dass in Teilen hier möglicherweise auch die von seiner eigenen abweichenden „Lebenswelten“ der Autor*innen eine Rolle spielten. Und: „Die Platzierungen von Klaus Otto Nagorsnik und Stefan Georg lassen durchblicken, dass klassische Bildung und Hochkulturkenntnisse für das DQM-Set von eher marginaler Bedeutung waren.“

Festzuhalten bleibt: Über die individuelle Erfahrung mit einem Quiz-Set hinaus ist es immer eine interessante Beschäftigung, für bestimmte Konstellationen im Nachhinein Erklärungen und Muster zu aufzuspüren. Das bleibt letztlich über einen gewissen Punkt hinaus spekulativ, denn selbst statistische Auffälligkeiten können vielleicht über ein ganzes Set oder eine einzelne Kategorie stichhaltige Aussagen ermöglichen – aber auch wenn man z. B. sicher weiß, dass in „Kunst & Kultur“ niemand mehr als 11 (von 15 möglichen) Punkten erreicht hat, weiß man ja noch lange nicht, ob es immer wieder dieselben Fragen waren, die nicht korrekt beantwortet wurden, oder doch bei jedem wieder andere.
Das weibliche Gegenstück zum Iffland-Ring als Auszeichnung für die „bedeutendste und würdigste Bühnenkünstlerin des deutschsprachigen Theaters“ etwa, aktuell getragen von Regina Fritsch – das hat man doch schon mal gehört, aber wie hieß das denn noch gleich, Kruzifix! …

 

Bildungsauftrag: Regina Fritsch ist aktuelle Trägerin des Alma-Seidler-Rings. Seit 2014 trägt sie als überhaupt erst Dritte diese 1978 von der österreichischen Bundesregierung ins Leben gerufene Auszeichnung, zuvor waren dies Paula Wessely und Annemarie Düringer. Alle drei bislang Ausgezeichneten sind bzw. waren übrigens Ensemblemitglieder des Wiener Burgtheaters.


Und nun unterbrechen wir diese Reportage für einen Einschub:


- Bericht vom Buzzerwettbewerb -

Wie bereits im ersten Teil des Berichts erwähnt, bemüht sich der DQV regelmäßig darum, die begehrten Plätze im Buzzerturnier fair zu verteilen.

Nachdem sich auf diese Weise das Feld über das schriftliche Qualifikationsquiz, das Losverfahren und die Sudden-Death-Buzzerrunde sortiert hatte, startete das 32-köpfige Hauptfeld mit den K.O.-Runden.

Grundsätzlich werden beim Buzzerturnier maximal zehn Hinweise auf einen Lösungsbegriff gegeben, die sich idealerweise von „Was zur Hölle …?“ bis zu „Nun ist’s aber ganz klar!“ entwickeln. Die Herausforderung für das Schreiben guter Buzzerfragen ist dabei, einen Begriff zu nehmen, den (fast) alle kennen, aber die Hinweise Schritt für Schritt so zu dosieren, dass es wirklich spannend bleibt, wann denn jemand den gesuchten Begriff ergründet.

Natürlich kommt es auch schon mal vor, dass die reine Buzzergeschwindigkeit entscheidet – genauso aber passiert es bei maximal vier Leuten auf dem Podium immer wieder, dass einfach niemand auf die Lösung kommt, während im Publikum längst jemand denkt, „herrje, nun sag’s doch endlich, ich weiß es schon längst!“ Eine besondere Komponente kommt hinzu, wenn man diese Gedanken im Publikum hegt, nachdem man gerade erst selbst ausgeschieden ist ... Ein bisschen Glück und gute Nerven gehören halt auch dazu.

Und nicht zu vergessen die Taktik: Während man in den ersten Runden noch einen Fehlschuss frei hat, nach dem zweiten dann allerdings auch für die jeweilige Frage komplett gesperrt wird, gilt ab den 1:1-Runden im Viertelfinale: nach jedem falschen Tipp wird man für den dann folgenden Hinweis gesperrt (aber nie für die komplette Frage). Und ja, da sackt der Gegner auch schon mal in Ruhe nach dem nächsten Hinweis mit der richtigen Lösung den Punkt ein, während man selbst gesperrt ist und nicht eingreifen kann.

Gespielt wurde die erste Runde in acht Vierer-Paarungen, bei denen jeweils die beiden ins Achtelfinale vorrückten, die zuerst drei Punkte erreichten. Und so lauteten die Ergebnisse des Sechzehntelfinals (Gewinner gefettet):
 

Denis Witthake         3       Sebastian Klussmann   3       Martin Ehrl                3       Holger Waldenberger   3   
Guido Marquardt   Manfred Lachmann 3   Manuel Hobiger 3   Benjamin Belz 3
Jürgen Stelter   Roland Knauff 0   Sascha Nolte 2   Klaus Otto Nagorsnik 1
Christian Joeken 1     Hendrik van Thienen 0   Gerald Köhler  1   Markus Lakner 1
                     
Max Lüggert 3   Sebastian Jacoby 3   Thorsten Zirkel 3   René Waßmer 3
Christoph Paninka 3   Lorcan Duff 3   Bastian M. Fischer 3   Steffen Löwe 3
Klaus Herber 1   Jörg Hessel 2   Andy Östreich 2   Pierre Frotscher 1
Gerhard Ernst 0   Stefan Versick 0   Rudi Mewes 2   Marco Siemssen 0

 

Besonders eng ging es im vorletzten Match zu, bei dem auch die beiden Ausgeschiedenen jeweils zwei Punkte erreichen konnten – es gab also eine letzte Frage, bei der drei Leute zugleich Matchball hatten!

 

Auch die Achtelfinals wurden in Vierer-Matches gespielt, bei denen die beiden besten weiterkamen, wofür nun jedoch schon vier Punkte nötig waren:
 

Max Lüggert       4     Manuel Hobiger  4      Sebastian Klussmann         4       René Waßmer 4   
Holger Waldenberger   Bastian M. Fischer 4   Sebastian Jacoby 4   Christoph Paninka 4
Steffen Löwe   Manfred Lachmann 2   Thorsten Zirkel 3   Guido Marquardt 3
Denis Witthake 1     Lorcan Duff 1   Martin Ehrl 2   Benjamin Belz 1

 

Kein Europapokalwettbewerb und keine internationale Meisterschaft, ohne dass in der Vor- und Nachberichterstattung von „Todesgruppen“ gesprochen wird! Die Todesgruppe des diesjährigen Buzzerturniers dürfte das dritte Achtelfinale gewesen sein, mit ihren vier „einschlägig vorbelasteten“ Hochkarätern. Es war dann auch tatsächlich die Runde mit den meisten verteilten Punkten in Summe, aber dennoch konnten natürlich auch hier nur zwei weiterkommen.
Im zweiten Achtelfinale sorgte Bastian M. Fischer mit seinem recht souveränen Einzug ins Viertelfinale für eine kleine Überraschung. Damit war er neben Christoph Paninka, dem Sieger des schriftlichen Qualifikationsquiz‘, der einzige Viertelfinalist, der sich die Teilnahme am Buzzerturnier nicht bereits durch die Vorleistungen aus 2019 gesichert hatte.

Jetzt ging es Eins gegen Eins bzw. hier tatsächlich Mann gegen Mann. Wie erwähnt, änderte sich nun das Procedere für dem Umgang mit falschen Antworten. Fünf Punkte wurden für den Sieg benötigt, wobei alle Viertelfinals mit mindestens zwei Punkten Differenz entschieden wurden. Eine zumindest kleine Überraschung war das 5:1 von Manuel Hobiger gegen René Waßmer. René hatte den Titel in den letzten beiden Jahren geholt und verlor somit erstmals nach zwölf Runden wieder ein Buzzer-Match.

In den Halbfinals wurde gespielt, bis einer der beiden Teilnehmer sechs Punkte erreicht hatte. Obwohl alle vier als erfahrene und versierte Buzzer-Quizzer gelten können, merkte man ihnen die steigende Anspannung an, doch zugleich wurde auch die Taktik  verfeinert. Beide Halbfinalverlierer verkauften sich teuer und lieferten den Siegern Sebastian Jacoby und Holger Waldenberger spannende Fights.

Das „kleine Finale“ um Platz 3 wurde bis drei Punkte gespielt. Bei Manuel Hobiger war vielleicht die Luft ein bisschen raus, so dass Christoph Paninka sich mit einem 3:1 den Bronzepokal sichern konnte.

Das Finale hielt dann alles, was man sich zuvor versprechen konnte: Nach mehrfachem Führungswechsel stand es tatsächlich 6:6 zwischen Holger Waldenberger und Sebastian Jacoby. Ein doppelter Matchball – und Holger verwandelte seinen mit dem Lösungsbegriff „Kondom“. Kaum weniger erschöpft als die Finalisten, konnte der gewohnt eloquente und brillante Moderator Stefan Georg somit Holger zu seinem, man glaubt es kaum, allerersten Meistertitel im Buzzerwettbewerb gratulieren. 
Ein Glückwunsch gebührt allerdings auch den vielen fleißigen Autorinnen und Autoren, die ihre Fragen für diesen Wettbewerb eingereicht hatten, wie üblich kundig und sorgfältig lektoriert und kuratiert von Stefan Georg.

 

 

 

Entsprechend zufrieden bilanzierte Holger nach seinem zweiten Meistertitel innerhalb weniger Stunden:

„Ich hatte etwa sechsmal mitgemacht, war bisher immer völlig chancenlos - diesmal hatte ich früh den Eindruck, dass mehr drin ist, auch wenn du gegen die Cracks natürlich Glück brauchst. Die Fragen (auch aus Österreich, namentlich von Andreas Stolz) fand ich besser als in den Vorjahren.“

 

Bildungsauftrag: Erst mit der Vulkanisierung von Kautschuk, 1839 von Charles Goodyear entwickelt, wurde es nach und nach möglich, Kondome nach heutigen Maßstäben für Qualität und Sicherheit herzustellen. Gewebter Stoff und Membranen tierischer Herkunft mussten zuvor herhalten, mit weitaus geringerer Zuverlässigkeit. Eingang in die Filmgeschichte fand der „Tanz der Leuchtkondome“, bei dem 1989 zwei Darsteller im Film „Skin Deep“ in kompletter Dunkelheit einen als Laserschwertfight-Parodie zu verstehenden Kampf ausfochten, während lediglich ihre phosphoreszierenden Kondome zu sehen waren.  

 


 

Beteiligter oder Zuschauerin: Eindrücke vom Buzzerturnier

Was meint der unterlegene Finalist zum Buzzerturnier? Man konnte ja nun, nach einem 6:7, kaum von einem „Haus“ sprechen, das Holger im Finale über seinem Gegner errichtet hätte. Maximal ein Häuschen, oder? Sebastian bleibt, wie gewohnt, selbstbewusst und bescheiden zugleich: „Da man gegen Holger immer Außenseiter ist, auch wenn man ihn im Buzzern schon geschlagen hat, war die Drucksituation im Finale weniger ausgeprägt. Es lief für mich eigentlich recht gut, und es hätte jeder den Sieg davontragen können, aber er hat es definitiv verdient. Die eigentliche Entscheidung lag im Nachhinein wohl nicht bei der Kondom-Frage, sondern bei einer Frage zuvor, die wir beide gleichzeitig wussten, wo er aber schneller war.“

Dabei hatte sich der Finaleinzug für Sebastian nicht von Beginn an abgezeichnet: „Ich bin in diesem Jahr gefühlsmäßig schwach gestartet, habe das Sechzehntelfinale nur glücklich überstanden und war in den ersten Runden auch zum Teil taktisch zu aggressiv. Ich wurde eigentlich erst mit der „Schlumpfine“-Frage etwas „freier". Der Witz dabei war, dass ich im Moment des Buzzerns noch nicht wusste, was ich genau antworten würde. Mir war nur halb unterbewusst klar, dass es um einen Schlumpf ging, überlegte dann vor dem Mikrofon, welcher Schlumpf sich von den anderen genügend abgrenzen könnte, um als Antwort zu taugen und kam dadurch irgendwie und schnell genug auf Schlumpfine.“

Dem Finale kann auch Petra Einiges abgewinnen: „Das war dann schon spannend, als es schließlich 6:6 stand.“ Insgesamt empfand sie das Buzzerturnier allerdings eher „wie vor dem Fernseher beim Mitraten“ und vermutet, dass auch aufgrund „zum Teil extrem exotischer Begriffe und Namen“ bei den Lösungen letztlich andere als die bekannten Top-Leute kaum Chancen hatten.

Michelle hingegen ist uneingeschränkt angetan und verfolgte von ihrem „Hörnchentisch“ aus den Buzzerwettbewerb in der ersten Reihe. „Ich fand’s richtig spannend, und definitiv habe ich auch das Gefühl, dass jeder Einzelne sich etwas von (sehr) guten Spielern abgucken kann. Sie zeigen einem, dass man nie alles wissen kann, auch falsch antworten "darf"/kann und sich diesbezüglich nicht zu schämen und/oder unter Druck zu setzten braucht“.
Und eben auch, dass man, wenn man sich unsicher ist, „häufig doch richtig liegt“.

 

Die Bilanz

Mit den obligatorischen Siegerehrungen geht das Wochenende der DQM 2020 dann am frühen Sonntagabend über die Ziellinie.

Zeit, die Eindrücke zu sammeln für ein persönliches Fazit.

Petra, wie hat’s dir gefallen?
„Alles in allem fand ich’s gut – insbesondere, dass man die Möglichkeit hat, andere Leute kennenzulernen, die das gleiche mögen wie man selbst, nämlich in einer Situation wie bei einer Klassenarbeit Fragen zu beantworten. Und dass man dabei Leute aus der ganzen Republik trifft.“
Ah, Klassenfahrt! Mit dem berühmt-berüchtigten Klassenfahrt-Blues hinterher ...
Und kannst du dir vorstellen, nächstes Jahr wieder mitzumachen?
„Grundsätzlich ja. Ob es tatsächlich damit etwas wird, bleibt abzuwarten. In der Zeit des Buzzerquiz', jedenfalls in der Vorrunde, würde ich vielleicht zwischendurch was anderes unternehmen.“

Sich etwas mehr Freiraum zu verschaffen, das ist auch der Plan, wenn Michelle wieder antritt:
„Ich möchte nächstes Jahr etwas früher anreisen und mir um das Wochenende herum mehr frei nehmen, damit der Körper etwas zur Ruhe kommen kann. Obwohl es wirklich viel Spaß macht, ist es doch recht anstrengend und ein langer Anreiseweg schlaucht ziemlich. Da ich nun das ganze Szenario mit allen Wettkämpfen "durchgemacht" habe und weiß, was da auf mich zukommt, werde ich zwar nächstes Jahr wieder an allen drei Wettkämpfen teilnehmen, würde aber Erstteilnehmern nicht unbedingt dazu raten, direkt beim ersten Mal alle Wettbewerbe mitzunehmen.“

Aber generell ist für Michelle völlig klar: „Die DQM ist ein unbedingtes Muss für alle, die Spaß am Quizzen haben! Und ich möchte gern jeden ermuntern, an der DQM teilzunehmen. Man wird so herzlich aufgenommen – auch, wenn man selbst nicht so viel Wissen abliefern kann. Und gerade auch sehr gute Quizzer haben sich mir gegenüber nie benommen, als ob sie etwas Besseres seien.“

Sebastian ist natürlich insgesamt zufrieden: „Zwei erste Plätze und ein zweiter Platz in vier Wettbewerben sind großartig und deutlich mehr, als ich mir vorab erhofft hatte.“ Auch lobt er die „tolle Organisation und schöne Atmosphäre“ und zeigt sich beeindruckt vom unablässigen Wachstum der Veranstaltung von Jahr zu Jahr.

Doch selbst ein „Quizgott“ stößt bisweilen an Grenzen: „Für mich war es sowohl emotional als auch körperlich sehr anstrengend, u. a. wegen der Dreharbeiten zu "Gefragt - Gejagt", die direkt vor der DQM lagen. Ich überlege, im kommenden Jahr einen Wettkampf auszulassen, vielleicht über den Autorenweg, muss darüber aber noch entscheiden. Mehr frische Luft in den Pausen wäre auch nicht schlecht.“

 

Auch der DQV-Vorsitzende Sebastian Klussmann zieht ein sehr positives Fazit:

„Herzlichen Dank an meine drei Vorstandskollegen Matthias Kemmerer, Sebastian Geschwindner und Jürgen Kranke! Vielen lieben Dank auch an alle Helfer und DQV-Amtsträger, ohne die es dieses große Quiz-Wochenende nicht gäbe! Persönlich konnte ich selten so befreit quizzen, ohne die Last der Verantwortung auf den eigenen Schultern zu spüren. Das liegt zuvorderst daran, dass ich mich auf meine Kollegen hier voll verlassen kann.“

Prägnant auf den Punkt bingt es Enno Horstmann aus Lauenburg im Süden Schleswig-Holsteins, wohl im Namen vieler sprechend:

„Ich war das erste Mal dabei und hatte viel Spaß, auch beim Erreichen meiner aktuellen Grenzen.“

Der Autor nimmt sich an dieser Stelle die Freiheit, sich selbst zu zitieren:
„Vorne drinzustehen, erfordert keinen Mut. Aber regelmäßig anzutreten, wohl wissend, dass viele Namen vor dir stehen werden – davor sollten wir alle den Respekt nie verlieren. Gelebte Vielfalt, das ist der DQV. Danke an alle, die mit ihrer Teilnahme dazugehören!“

 

Da ist noch ein Elefant im Raum ...

Nun aber genug der feierlichen Reden! Sebastian erwähnte die „Schlumpfine-Frage“ aus dem Buzzerturnier. Und das bringt uns auf eine ganz andere Frage, die sich aufdrängt wie der sprichwörtliche Elefant im Raum: Warum eigentlich gibt es beim Quizzen so wenige Frauen auf den vorderen Plätzen? Was meinen Michelle, Petra und Sebastian dazu?

Michelle vermutet traditionelle Geschlechterbilder und -vorlieben dahinter: „mangelndes Interesse auf der einen Seite, auf der anderen Seite die typische Umgebung in Pubs und Kneipen, die nach veralteten, aber trotzdem oft noch geltenden Ansichten eher kein Umfeld sind, in dem sich viele Frauen aufhalten.“

Auch Petra bemüht „zähneknirschend“ Geschlechterklischees, sieht die Kneipen-Thematik allerdings etwas anders: „Vielleicht sind Männer oftmals wettbewerbsorientierter und dadurch ehrgeiziger. Viele Frauen sind mehr aufs soziale Interagieren gepolt, das passt dann auch eher zum „System“ Pub-Quiz oder zu Teamwettbewerben. Es könnte allerdings sein, dass sich diese unterschiedliche Einstellung vor allem in der älteren Generation auswirkt, während die jüngeren einfach noch nicht das Wissen haben, das für Deutschland-Cup & Co. notwendig ist.
Vielleicht finden sich Frauen auch nicht in dem Maße im DQV wieder, der ja von Männern gegründet und in seinen Regeln und Prozeduren definiert wurde. Kurz gesagt, läuft alles wohl darauf hinaus, dass diejenigen Frauen, die teilnehmen, nicht so viel an Wissen präsent und abrufbar haben, und diejenigen, die es hätten, nicht teilnehmen.“

Sebastian ist unschlüssig: „Das beschriebene Phänomen beschränkt sich ja nicht auf DQV-Wettbewerbe oder Quizwettbewerbe im deutschsprachigen Raum, sondern erstreckt sich auf den gesamten internationalen Raum der Wettkampf-Quizze. Es gibt ein paar wieder und wieder zitierte Erklärungsansätze: geringere Wettkampforientierung des weiblichen Geschlechts; männerorientierte und überwiegend von Männern gestaltete Sets; anderer Fokus in den Lebensentwürfen; etc. Aber wirklich überzeugend ist das aus meiner Sicht alles nicht.“

 

Bildungsauftrag: Das Schlumpfine-Prinzip beschreibt die Situation (als bewusstes oder implizites Konzept), wenn in Film und Fernsehen in einer Gruppe neben männlichen Hauptcharakteren nur eine weibliche Hauptfigur vorkommt – die dann auch noch häufig ausschließlich über ihre Beziehung zu Männern definiert wird.

 


Tja. „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen“ – nein, das ist nicht von Marcel Reich-Ranicki, sondern von Bertolt Brecht. Aber offene Fragen sind doch eigentlich ein schöner Ansporn, denn das nächste Quiz kommt bestimmt!

 

 

Der Autor bedankt sich herzlich bei Michelle, Petra und Sebastian für ihre Zeit und den offenen Austausch.
Text: Guido Marquardt, Bilder: Sebastian Geschwindner, Dirk Singer, Steffen Löwe, Matthias Kemmerer und JP Busche